Die Welt am Tipping Point ― und wie wir den nächsten Schritt nach vorne machen
Seien wir ehrlich, bis vor 6 Wochen hat sich keiner von uns über das Unrecht der nordafrikanischen Autokraten echauffiert. Gerade Ägypten war ein treuer Verbündeter im Kampf gegen eine drohende islamistische Welteroberung. Aber Zukunft passiert: Jetzt reden wir nicht mehr über Islamismus, sondern – erfreulicherweise – über arabische Demokratiebewegungen und erwachende Märkte in ganz Afrika.
Die Globalisierung geht in die nächste Runde. Doch in dieser Runde gibt es eine klare Agenda der Herausforderungen, die wir abarbeiten müssen, um unseren Wohlstand zu sichern. Ein zentrales Thema: Jugendarbeitslosigkeit. 60 % der Menschen in Nordafrika sind jünger als 30 Jahre. Die Jugendarbeitslosigkeit ist enorm: Ägypten 33 %, Marokko 35 %. In Westeuropa ist sie aber ähnlich hoch: Spanien 42 %, Schweden 29 %. Gerade Ägypten geht es wirtschaftlich gut, BIP 2010: 5,3 %. Nur hat der Großteil der Bevölkerung bislang nicht von diesem Aufschwung profitiert.
Nordafrika hat mehr mit uns zu tun, als wir auf den ersten Blick wahrhaben wollen. Wer seine Wertschöpfung ohne die jungen Menschen plant, plant an der Zukunft vorbei. Das gilt – leider – für Arabien genauso wie für die westliche Welt. 70 % des weltweiten Wachstums werden in den nächsten Jahren aus den Emerging Markets kommen, hat Goldman Sachs errechnet. Aber es wird auch jede 2. Innovation aus diesen Ländern kommen. Verlängerte Werkbänke des Westens? Ein hochprofitabler Flugzeughersteller wie Embraer aus Brasilien (Umsatz: 5,5 Milliarden US-Dollar) braucht keine Billiglohnländer für den Einkauf seiner Komponenten, er holt sie sich aus Europa und den USA, lässt sie zuhause zusammenschrauben und greift Boeing und Airbus an. Wichtige Finanzdienstleistungstrends (siehe auch unseren Finanzschwerpunkt auf S. 4 und 5) wie die Mikrokredite waren in den Emerging Markets erfolgreich und kommen nun zu uns zurück. Aber was passiert, wenn in China neue Hungersnöte ausbrechen? Bei den momentanen Rohstoffpreisen kein Phantasma, sondern ein realistisches Szenario, das wir berücksichtigen müssen.
Ich habe im Juli 2009 an dieser Stelle geschrieben, dass das 21. Jahrhundert jetzt erst anfängt. Heute stellt sich heraus, was das genauer bedeutet. Wir werden uns in den nächsten Jahren von alten Gewissheiten verabschieden müssen. Einen Vorgeschmack darauf finden Sie in unserem aktuellen „Zukunftsletter“.
- Wandel der Institutionen: Scheinbar unverzichtbare Institutionen wie etwa Banken werden in 10 Jahren nicht mehr wiederzuerkennen (S. 4 und 5)
- Vision und Nutzen: Social Media und Internet allein reichen nicht aus – die Geschäftsmodelle der Zukunft brauchen (auch im Internet) eine Vision und einen konkreten Nutzen (S. 2)
- Pricing wird komplett verhandelbar – weil im E-Commerce-Zeitalter (siehe Groupon, „Zukunftsletter“ März 2011) nicht mehr Arbeitszeit und Materialaufwand, sondern nur noch der Preis zählt, den der Kunde spontan zahlen möchte (S. 3)
Wir leben in einer Zeit des globalen Aufbruchs und müssen diesen radikalen Wandel gestalten. Zukunft passiert! Und wir möchten Sie darauf vorbereiten!
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Hier finden Sie weitere Chefredakteurs-Meinungen aus dem Zukunftsletter.
