Der Work-Life-Kapitalismus
Warum die negative Krisenrhetorik an der Wirklichkeit vorbeigeht
Nehmen wir einmal an, das, was wir unentwegt als „Krise“ beklagen, wäre kein vorübergehender Zustand. Wir würden nicht wieder zu „business as usual“ zurückkehren. Zu jenem
Zustand, den wir anscheinend seit einem halben Jahrhundert als „Normalität“ betrachten: 2,5 % BSP-Wachstum pro Jahr, wachsende Aktiendepots und Vermögenspolster, brave Kunden, die immer mehr
kaufen, egal was.
Nehmen wir an, das alte, das industrielle Wachstum wanderte dauerhaft in andere Regionen ab. In China steigen die Löhne; von dort werden bald nicht nur Billigprodukte und Kopien zu uns kommen,
sondern womöglich Elektroautos in ganzen Flotten. Schwellenländer werden zu Wirtschaftsmächten. Die Seitenlängen des globalen Spielfelds werden neu vermessen. Nehmen wir an, auch
Europa entwickelte neue Spielregeln. Würde einerseits zu einer noch stärkeren Wirtschaftsmacht, könnte aber nicht mehr bei jeder Konservendosenverordnung eine Art WG-Streit anzetteln.
Welche Zukunfts-Strategie hilft in einem solchen Szenario? Innovation. Kreativität. Robustheit. Der deutsche Fußball hat es uns vorgemacht. Die Jogi-Löw-Methode: fanatisch
trainieren, sich dabei offen beraten lassen, den Spielern alle Freiheiten geben. In der „Krise“ haben viele deutsche Unternehmen das getan, was sie in der „Nicht-Krise“ nicht
schafften. Sie haben unsinnige Kosten eingespart und falsche Komplexität reduziert. Sie haben Kernkompetenzen neu definiert, anstatt sich zu verzetteln. Und sich auf die Stärken und
Talente ihrer Mitarbeiter konzentriert.
Die Arbeitslosigkeit sinkt, anstatt zu steigen, weil die Paradigmen einer wissensorientierten Ökonomie sich nun im Management durchsetzen. In der neuen Welt wird nicht mehr in
Stückzahlen, Margen und Ebits gemessen. Sondern in einer neuen Währung, dem „Talent“. Die Wirtschaftswoche schrieb unlängst vom Work-Life-Kapitalismus – und formulierte fast erstaunt:
„Die Deutschen machen in diesen Monaten die merkwürdige Erfahrung, dass Stabilität nur noch aus Flexibilität erwachsen kann.“
Es sieht so aus, als ob die Botschaft langsam ankommt. Krisen sind Agenten der Zukunft. Wachstum, in einem neuen Sinne, heißt „über sich selbst hinauswachsen“. Das Spiel auf andere, elegantere
Weise zu spielen. Das ist das neue, kreative Leistungsethos. Nicht mehr vom Gleichen, sondern besser anders.
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